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«Das könnt ihr auch, nur nie aufgeben!»

Beim Final des Pilotwettbewerbs PUSA (Projektunterricht und Selbstständige Arbeiten) vom Juni 2009 in Luzern fiel uns auf, dass sich von zwei Schulen überdurchschnittlich viele Projekteingaben in der engeren Auswahl befanden. Wir vermuteten, diese Häufung guter Projekte könne nicht zufällig sein. Die genaueren Umstände versuchten wir, in zwei Interviews vor Ort zu eruieren.

Wie erklärt sich Bruno Birrer, einer der Lehrer, die Tatsache, dass mehrere Gruppenprojekte der Schule Grosswangen beim Pilot-Wettbewerb PUSA/2009 in der engeren Auswahl standen?

Welchen Stellenwert hat die Projektarbeit an Ihrer Schule?

Bereits in der Primarschule werden die Schülerinnen und Schüler in Grosswangen mit Aspekten der Projektarbeit konfrontiert. Während einer Lektion pro Woche ist «Freie Arbeit» angesagt. Zeit für kleinere Projekte. Wenn die Projektergebnisse vorgestellt werden, wird u. a. bereits die Präsentationskompetenz geschult.

Auf der Oberstufe beginnt die Projektarbeit dann im Sommer mit Miniprojekten und eingeschobenen Theorieteilen. So lernen alle Beteiligten, wie Material beschafft werden kann, wie ein Projekttagebuch geführt wird und wie die Projekte präsentiert werden können. Die frühe Beschäftigung mit projektartigen Elementen in der Primarschule wirkt sich offensichtlich positiv auf die spätere grosse Projektarbeit in der Oberstufe aus.

Gelingen die Projekte auf Anhieb und wie erfolgt der Aufbau?

In Grosswangen haben die an den Projektarbeiten beteiligten Lehrpersonen die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, den Schülerinnen und Schülern innerhalb eines klar definierten Projektrasters (Projektthema finden, Zeitplan erstellen, dokumentieren, präsentieren etc.) möglichst wenig weitere Einschränkungen aufzuerlegen. Ermutigen, unterstützen, motivieren sind die Tätigkeiten, die von den betreuenden Lehrpersonen geleistet werden müssen. Und manchmal heisst unterstützen, sich als Lehrperson zurückziehen und dem Schüler, der Schülerin Raum zum Entfalten geben.

So hat zum Beispiel ein verhaltensorigineller Schüler ein riesiges Modell eines zivilen Flugplatzes präsentiert, nachdem er sich wochenlang zurückgezogen hatte und kaum Kontakt zu den betreuenden Lehrpersonen gesucht hatte. Dem staunenden Publikum rief er am Schluss der Präsentation zu: «Denkt dran, das könnt ihr auch, nur nie aufgeben!»

Nach dem Gespräch mit Bruno Birrer ziehe ich folgende Schlüsse:

Erstens hat die Arbeit mit Projekten in Grosswangen Tradition. Werden doch bereits seit sieben Jahren Projektarbeiten durchgeführt. Der ganze Ablauf, die dafür vorgesehenen Zeitgefässe, Zwischenstationen, Präsentationen und Auswertungen wurden im Verlauf der Zeit immer wieder angepasst und verbessert. Dabei muss das Grundsystem «Projektunterricht» dynamisch bleiben. Wenn Schülerinnen und Schüler früher während ihrer Projektarbeits-Nachmittage zu Hause arbeiteten, mussten sie zum Schlussrapport um ca. 17 Uhr wieder im Schulhaus sein. Dies wird heute viel freier gehandhabt, und den Schülerinnen und Schülern somit auch mehr Vertrauen entgegengebracht.

Zweitens sind die Erfolge vielleicht auf die noch «bodenständige» Bevölkerung zurückzuführen. Es gibt noch zahlreiche Landwirte in der Gegend und viele Personen arbeiten in kleineren und mittleren Betrieben. Die Berufswünsche der Schulabgängerinnen und -abgänger fallen auch dementsprechend aus: Schreiner, Malerin, Landwirt, Landmaschinenmechaniker, Floristin, Metallbauschlosser etc. Berufe mit starker handwerklicher Ausrichtung. Die Schülerinnen und Schüler verfügen oft bereits über gute handwerkliche Fähigkeiten, die sie in der von der Schule vorgegebenen Projektarbeit zum Tragen bringen.

Drittens verfügen die Schülerinnen und Schüler nebst ihren handwerklichen Fähigkeiten über ein gutes Netzwerkwissen. Die Schülerinnen und Schüler aus Grosswangen wissen jeweils sehr gut, wer ihnen Auskunft geben kann, wenn sie während der Projektarbeit auf ein Problem stossen. Dank der regen Vereinsarbeit in der Gemeinde und Region kennt man sich gegenseitig und so lassen sich Problemsituationen jeweils rasch lösen. Darin könnte ein wesentlicher Grund liegen, warum die Endprodukte der Projektarbeit über eine im Durchschnitt sehr hohe Qualität verfügen. Wissen, wer beim Lösen von Problemen hilft, kann im «Projektwettbewerb» einen entscheidenden Vorteil bringen!

Beim Pilot-Wettbewerb PUSA im Jahr 2009 standen mehrere Einzelprojekte der Schule Kerns in der engeren Auswahl. Wie erklärt sich der Kernser Lehrer Hansjörg Rohrer diese Tatsache?

Das ist primär ein Resultat der Teamarbeit – einerseits unter den Lehrpersonen und andererseits zwischen den Schülerinnen und Schülern. An der Schule Kerns arbeiten im Projektunterricht immer alle vier Real- und Sekundarschulklassen gemeinsam (A- und B-Niveau gemischt). Die eingereichten Einzelprojekte der Schülerinnen und Schüler bilden jeweils den Abschluss der einjährigen Auseinandersetzung mit der Projektarbeit.

Gelingen die Projekte auf Anhieb und wie erfolgt der Aufbau?

Mit kleinen theoretischen Einführungen in die Projektarbeit beginnt für alle der rund 50 Schülerinnen und Schüler der Projektunterricht. Anschliessend werden mit Mini-Projekten einzelne Kompetenzen erarbeitet und geübt.

«Welcher Gruppe gelingt es, mit einer begrenzten Anzahl A4-Blättern eine Brücke zwischen zwei Tischen zu konstruieren, die möglichst viele Bücher trägt? Die Tische weisen einen Abstand von 30 cm auf.» So lautet beispielsweise eine Aufgabe dieser Mini-Projekte. Innerhalb eines Teams von zwei bis drei Personen lernen die Schülerinnen und Schüler so, sich zu organisieren, um in der zur Verfügung gestellten Zeit ein Ziel mit möglichst dem besten Resultat zu erreichen. Im erwähnten Beispiel eine Brücke, die möglichst viele Bücher trägt.

Die Projekt-Trainingseinheiten werden Woche für Woche anspruchsvoller und münden vor Ostern in eine komplexe Teamaufgabe. Letztes Jahr mussten die Gruppen eine Ereigniskette erstellen in Anlehnung an den Film von Fischli/Weiss «Der Lauf der Dinge». Einige Gruppen schleppten ihre Materialien gleich mit Traktor und Anhänger auf den Pausenplatz in Form von Holzmaterial, Pneus, Brettern, Kübeln etc.

Von der Schule Kerns standen gleich mehrere Einzelprojekte im Final. Warum stach die Schule Kerns gerade mit Einzelprojekten hervor?

Nach Ostern starten jeweils die Einzelprojekte, mit denen der Projektunterricht Ende Jahr abgeschlossen wird. Bevor geplant, dokumentiert, präsentiert und ausgewertet werden kann, müssen alle zuerst einmal eine Projektidee finden. Wenn möglich sollten Ideen realisiert werden, die nicht bereits zum Kompetenzbereich der Schülerinnen und Schüler gehören. Wer sich beispielsweise bereits mit Holzbearbeitung beschäftigt hat, muss keinen Holzstuhl herstellen, sondern darf sich z. B. mit einem völlig anderen Material auseinandersetzen. Dazu braucht es oft einen Coach. Die vier Lehrpersonen übernehmen diese Aufgabe.

Nicht immer gelingt den Coachs diese Begleitfunktion auf Anhieb. Einige Schülerinnen und Schüler haben trotz Unterstützung Mühe, überhaupt eine Projektidee zu finden, andere wiederum nehmen sich zu viel vor und wollen gleich einen funktionstüchtigen Roboter konstruieren. Der Schüler mit der Roboter-Idee verlor beispielsweise drei Wochen Projektarbeitszeit, bis er sich entschied, einen Raclette-Ofen zu realisieren.

Ob eine Projektidee realisiert werden darf, entscheiden in heiklen Fällen die Lehrpersonen gemeinsam. Damit stärken sie der einzelnen Lehrperson den Rücken. So z. B. wenn die Projektidee eines Schülers «Töffli putzen» nicht akzeptiert werden kann.

Nach dem Gespräch mit Hansjörg Rohrer ziehe ich folgende Schlüsse:

Die Verantwortlichen an der Schule Kerns für die Projektarbeit wollen die Schülerinnen und Schüler gegen Ende ihrer obligatorischen Schulzeit selbstständig arbeiten sehen. Deshalb werden Einzelprojekte von ihnen verlangt und entsprechend begleitet und unterstützt. Das abschliessende Einzelprojekt dauert rund zwei Monate, beinhaltet Planung, Feldarbeit, Führung eines Projektjournalheftes, Dokumentation und Präsentation (vor den anwesenden Eltern) und wird dann auch bewertet und im Zeugnis eingetragen. Die Coaching-Funktionen der Lehrpersonen werden sehr bewusst wahrgenommen, dies ist sicher auch ein Grund, dass Einzelprojekte von Kerns im Wettbewerb weit nach vorne gelangten.