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Drei drei drei – bei Issos Keilerei

Zwar scheint es leicht, aus didaktischer Sicht Kriterien für einen nachhaltigen Unterricht zu formulieren. Aber ist nicht mit jeder Wahrheit das Gegenteil ebenso wahr?

Es gibt Dinge, die gehören einfach zu einer anständigen Bildung. Darunter viel Griechisches, wie zum Beispiel diese Eselsbrücke zur Schlacht bei Issos, die man dann nie mehr vergisst. Ist es das, was man «nachhaltig» nennt? Gewiss steckte da Didaktik dahinter. «Nachhaltigkeit aus didaktischer Sicht» – das Thema liegt mir quer. Was Lernen, Unterricht, Schule überhaupt nachhaltig macht, ist mir, je länger ich darüber nachdenke, desto unklarer. Wenn Nachhaltigkeit überhaupt eine Frage der Didaktik ist, dann auf jeden Fall eine, von der ich nicht mehr verstehe als der Klempner Erwin. Beginnen wir von vorne.

Erwin wuchs eine Häuserreihe weiter in der gleichen Strasse auf wie ich. Wir waren gleich alt und besuchten die gleiche Schule – zumindest in den ersten Jahren. Ausserhalb der Schule unternahmen wir wenig zusammen; zu verschieden waren wohl die Interessen. Ich war ein Musterschüler. Erwin war das Gegenteil. Kein schwieriges Kind, nein, Erwin war ein lieber Junge. Schule war nur einfach nicht sein Ding. Das plagte ihn nicht, und für seine Eltern war es auch kein Problem. Erwins ältester Bruder besuchte die Sekundarschule. Die Familienehre war intakt. Ich als Ältester unsererseits hatte da noch eine Pflicht zu erfüllen.

«Was Lernen, Unterricht, Schule überhaupt nachhaltig macht, ist mir, je länger ich darüber nachdenke, desto unklarer.»

Werner Jundt

So war es nur logisch, dass Erwins und mein Schulweg sich nach der 4. Klasse trennten. Ich kam ins Progymnasium, Erwin blieb in der Prim. Primarschule hiessen damals alle neun Schuljahre des untersten Niveaus. Die zu Höherem berufenen Schülerinnen und Schüler wurden in die Sekundarschule abgezweigt oder eben ins Progymnasium. Ich lernte viel Neues. Erwin lernte weniger. Ich lernte zum Beispiel ab der 5. Klasse Französisch, Erwin erst später. Ich lernte Geschichte, zum Beispiel die Schlacht bei Issos (333 v.Chr.) – oder jedenfalls den Merkspruch dazu. Den weiss ich noch heute, den vergesse ich nie mehr, der verfolgt mich geradezu. Dabei weiss ich natürlich, dass diese an Jahrzahlen festgemachten Ereignisse im damaligen Lernkontext einen Sinn hatten. Mit der Zeit fügten sich diese Mosaiksteinchen zu einem Geschichtsbild zusammen, und später entstand daraus ein Geschichtsbewusstsein. Wenn ich heute nachlese, wie es zu dieser entscheidenden Schlacht zwischen Alexander dem Grossen und dem Perserkönig Darios gekommen war und welches die Folgen waren, weiss ich, wovon die Rede ist und kann die Bedeutung des Ereignisses einschätzen.

Erwin musste Issos nicht lernen. Überhaupt die Griechen – das brauchten nicht alle. Natürlich blieb auch er nicht von Jahrzahlen verschont. Aber es waren viel weniger. Erwin störte das nicht. Er lernte das Wenige, das er musste, mehr oder weniger. Ich lernte das Viele möglichst gut.

Als ich im Gymnasium war, gründete ich mit ein paar Jungen aus dem Quartier eine Band. Seit Jahren hatte ich Klavierunterricht genossen und fleissig geübt. Trompete hatten wir, Gitarre und Bass auch, mein Bruder spielte die Klarinette. Uns fehlte ein Schlagzeug. Einer fragte Erwin, ob er Schlagzeug spiele. «Noch nicht», sagte er. Dann trieb er ein altes Schlagzeug auf und lernte. Autodidaktisch. Dieses Wort hätte Erwin damals nicht verstanden. Es kommt aus dem Griechischen. Wir machten drei Jahre Tanzmusik und hatten ein paar gute Gigs.

«Die Schule hat uns die Neugier erhalten. Und sie hat uns mit dem Glauben entlassen, dass Lernen im Leben Sinn macht.»

Werner Jundt

Dann kam die Zeit, da wir die Band auflösen mussten. Phasen in der Ausbildung gingen zu Ende, was beim einen oder anderen auch mit einem Wohnortswechsel verbunden war. Erwin – jetzt gelernter Klempner wie sein Vater – ging ins Welschland. Für mich begann das Studium.

Bestandteil der Ausbildung zum Sekundarlehrer waren – auch für angehende Mathematiklehrkräfte – zwei Fremdsprachenaufenthalte. Darum wohnte ich ein paar Wochen in Lausanne. Und war froh, dass dort viele Leute Deutsch verstehen. Denn was ich in den über tausend Französischstunden (zugegeben: neben viel Literatur) vor allem gelernt hatte: «Du sollst keine Fehler machen!» So traf ich Erwin, der eine Stelle in Lausanne hatte. Wir verabredeten uns für den Abend. Die Beiz, sein Tipp, war «bumsvoll» und sehr laut, eine tolle Stimmung! Souverän verschaffte uns Erwin Platz und sorgte dafür, dass wir bedient wurden und das zu trinken erhielten, was wir uns vorgestellt hatten. Natürlich alles auf Französisch. Von seinen wirkungsvollen Interventionen verstand ich das Wenigste – es ging mir viel zu schnell.
Später haben wir uns dann ganz aus den Augen verloren. Ich wurde Mathematiklehrer. Mit einem Flair für Mathematikgeschichte. Die antiken Mathematiker machten mir Griechenland auf neue Weise lebendig. Was ich von Erwin weiss, hat mir sein Vater erzählt. Er zog weiter in die Welt und blieb in Athen hängen. Heute hat er eine griechische Familie und eine Spenglerei in Piräus. Ich wurde ein Fan von Thales und Pythagoras. Erwin ist selber Grieche geworden.

Zwei Wege – was hat Schule damit zu tun? Zwei gelungene Biographien. Was hat die Schule dazu beigetragen? Wie konnte sie sich auf zwei so verschiedene Wege positiv auswirken? Ich meine: Sie hat uns die Neugier erhalten. Und sie hat uns mit dem Glauben entlassen, dass Lernen im Leben Sinn macht. Wie die Schule das erreicht hat, braucht der Klempner Erwin nicht zu wissen. Ich als Didaktiker allerdings müsste es eigentlich wissen. Müsste.

Vielleicht lerne ich es ja noch.

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