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Musik als Selbstzweck und Katalysator

Was kann Musik für das Lernen in anderen Fächern leisten? Diese Frage stellte die profi-L-Redaktion Markus Cslovjecsek, Leiter der Professur Musikpädagogik an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

profi-L: Der Einbezug von Musik führe zu besseren Lernergebnissen in anderen Fächern, hört man oft. Was sagen Sie als Musikpädagoge und Fachdidaktiker zu dieser «Instrumentalisierung» Ihres Fachs?

Markus Cslovjecsek: Musik besitzt – genau wie die Sprache – einen eigenen Wert als rhythmische und melodische Ausdrucks- und Kunstform. Mit Sprache kann man – wie mit Musik – improvisieren, spielen, «komponieren». Sprache wird nicht abgewertet dadurch, dass sie neben ihren ästhetischen Qualitäten als «Vehikel» der Kommunikation in ganz alltäglichen Situationen hervorragende Dienste leistet. Musik hat ebenso verschiedene Erscheinungsformen und teils ineinander fliessende, teils voneinander unabhängige «Einsatzgebiete». Tendenziell ist Sprache eher zweck-orientiert, Musik wird in der Regel eher mit Kunst assoziiert.

Was spricht dafür, dass die Integration musikalischer Elemente das Lernen über das Fach Musik hinaus günstig beeinflussen kann?

Das zu erkennen hilft uns, wenn wir Kinder beobachten, bevor sie in die Schule kommen. Kinder imitieren, spielen, probieren aus, üben, kommunizieren, tanzen und singen? Es käme ihnen nicht in den Sinn, diese Aktivitäten in Kategorien einzuteilen wie Sprache, Musik, Zusammenzählen, Sport etc. All diese Tätigkeiten und Erlebnisse verweben sich in den Köpfen, Körpern und Herzen der Kinder zu einem grossen Ganzen und beeinflussen einander wechselseitig. Warum sollte das nach dem Schuleintritt anders sein? Warum sollten das Erahnen und das Erkennen von Mustern in der Zahlenwelt, in Bewegungsspielen, in der Sprache, im Gestalten und in der Musik für ein Kind plötzlich voneinander völlig verschiedene Disziplinen sein? Die Schule schafft diese Kategorien, die Fächer, um die Komplexität der Welt zu reduzieren. Sie täte im Interesse einer ganzheitlichen und nachhaltigen Förderung gut daran, das Ineinandergreifen dieser unterschiedlichen Bereiche weiterhin zu ermöglichen.

Woran liegt es, dass diese Ganzheitlichkeit verloren gegangen ist, wenn doch klar ist, dass damit eine Chance für nachhaltiges Lernen verpasst wird?

Die musikalischen Zugänge sind wenig integriert, weil der Musikunterricht gerne an Experten abgegeben wird. Das hängt mit unserer eigenen Sozialisation und mit den persönlichen Lernerfahrungen von Lehrpersonen zusammen. Erschreckend viele halten, sich für zu wenig musikalisch, um einen guten Musikunterricht zu machen. Damit ist Musik als Ganzes ganz schnell weg delegiert an Experten und an eine klar festgelegte Lektion. So kommt Musik dann im übrigen Unterricht nicht mehr vor.

Es erscheint plausibel, dass Musik eine positive emotionale Grund-Gestimmtheit ermöglichen kann, was fürs Lernen eine günstige Voraussetzung ist. Was aber leistet sie darüber hinaus in Lernprozessen ganz konkret?

«Es ist natürlich kein Zufall und auch sehr wichtig, dass
im frühen Fremdsprachenunterricht viele Lieder und
Verse zum Einsatz kommen.»

Markus Cslovjecsek

In der Bildung müssen wir dazu Sorge tragen, dass die Kinder aus ihrem Netz von verschiedenen Handlungszugängen und Denkweisen nicht herausfallen, sondern weiter daran (an-)knüpfen können. Kinder haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Im Klassenunterricht gilt es, diese Vielfalt ernst zu nehmen. Aber auch individuell erfolgreiches Lernen basiert oft auf so genannten Mehrfach-Codierungen: Indem sie emotionale, bewegungsorientierte, kulturelle, mathematische und sprachliche Aspekte vereinigen, haben musikalische Aktivitäten prinzipiell hohe Anschlussmöglichkeiten an unterschiedlichste Lehr- und Lernsituationen in praktisch allen Fächern. Wir staunten immer wieder, als wir im Rahmen des Lehrmittelprojektes «Mathe macht Musik» systematisch die Themenfelder des Mathematikunterrichtes nach ihrem musikalischen Potenzial analysierten und die Ideen der Kinder dazu sammelten.

Musikalisches Tun in der Klasse ermöglicht aber auch weitere zentrale Lernerfahrungen: Menschen jeden Alters erfahren Selbstwirksamkeit, wenn sie erleben, dass Üben (Tanzschritte, Xylophonmelodie, Zusammenspiel etc.) Erfolg bringt. Überdies begünstigt gemeinsames musikalisches Handeln Teamentwicklungs-Prozesse; es muss Verantwortung übernommen werden und gleichzeitig ist die Gruppe auf jeden Einzelnen angewiesen. Diese Chance ist zugegebenermassen auch eine grosse Herausforderung die – für gelingendes Musizieren – erst noch zwingend von allen Beteiligten angenommen werden muss.

Bisher haben Sie keine Verbindung zwischen Musik und z. B. Sprache geschildert, die in der konkreten Spracharbeit einfach so zweckorientiert nutzbar wäre.

Es ist natürlich kein Zufall und auch sehr wichtig, dass im frühen Fremdsprachenunterricht viele Lieder und Verse zum Einsatz kommen. Leider bleibt es oft beim einfachen Tun und die Chance der Vertiefung durch die fächerverbindende Zusammenarbeit wird zu wenig wahrgenommen. Bezüglich der Entwicklung einer bewussten Klang-Sensibilität, die dann für die produktive Artikulation genutzt werden könnte, könnte mehr erreicht werden: In Verbindung mit den Zielen des Musikunterrichts würde man z. B. mit entsprechenden Klängen experimentieren, die Wahrnehmung schulen und den musikalischen Ausdruck entwickeln und mit Instrumenten, mit Bewegungsbegleitungen oder mit Gruppen und Solisten gestalten. Die Beziehungen zwischen den «Fächern» sind grundlegender, als einfach im Fremdsprachenunterricht ein englisches Lied zu singen oder im Matheunterricht singend zu zählen. (Siehe auch Artikel «Sprachenlernen mit Musik» im profi-L.net-Download.)

Könnten Sie uns diese tieferen Beziehungen an einem Beispiel konkret erläutern?

Ich will es versuchen. Beim Erlernen der Muttersprache kann man gut beobachten, wie kleine Kinder lernen: Sie hören sehr genau hin, testen die Wirkung von Klängen aus, lange bevor sie reden. Sie beobachten und imitieren Körperhaltungen, Mimik, Sprachmelodien, sie erwerben sozusagen die «Grammatik hinter den Klängen». Diese frühen Lernerfahrungen sind prägend und wirksam. Dies lässt sich u. a. an gewissen typischen Fehlern beim Schreiben erkennen, z. B. wenn ein Kind orthografisch falsch, aber klanglich richtig ‹Dangke› statt «Danke» schreibt. Diese «Klangschrift» wird in der Sprachdidaktik unterdessen als wichtige Entwicklungsstufe erkannt. Auch die Musikpädagogik könnte daran anknüpfen und die grosse Hörkompetenz und die Sensibilität der Kinder im Umgang mit Zeichen weiterentwickeln und als Schritt zur Musik-Notation wahrnehmen.

Neben Verwandtschaften von Sprache und Musik sind solche auch zwischen Mathematik und Musik festzumachen. Wo liegen da allenfalls ungenutzte Potenziale?

Es gibt die wissenschaftlich begründete Vermutung, dass Mathematik sich menschheitsgeschichtlich wie auch in der kindlichen Entwicklung aus der Bewegung, z. B. aus dem Voran-Schreiten heraus, entwickelt hat. In beiden «Disziplinen» geht es u. a. um das Erkennen von und das Arbeiten mit Mustern. Während Muster, die visuell festgehalten werden können, stabil sind, sind Muster in der Musik flüchtig. Das Gedächtnis wird in der Musik darum auf andere Weise gefordert als bei schriftlichen oder visuellen Mathe-Aufgaben. Aber beide Disziplinen benötigen und stimulieren das Vorstellungsvermögen. Musikalische Muster werden in Zahlen- und Symbolsysteme oder in geometrische Formen überführt. Die Notenschrift ist eigentlich eine Form der Mathematisierung von Musik. Mathematik ist tendenziell abstrakter, Musik konkreter. Kinder und auch Erwachsene finden es in der Regel faszinierend, wenn sie quer durch die Erscheinungsformen und Fächer die Ähnlichkeit von Mustern erkennen. Sie erweitern damit ihr Welt-Bild und finden wieder etwas zur ganzheitlichen Welt-Sicht ihrer Kindheit zurück. Und was könnte förderlicher fürs Lernen sein als Faszination? (Siehe auch Artikel «Kinder sind Experten in diesem Denken» im profi-L.net-Download.)

Sind Lehrpersonen denn auf solche interdisziplinäre Vernetzungen vorbereitet?

Jeder Mensch ist von Natur aus musikalisch. Sonst würde er weder sprechen noch gehen lernen können. Aber bei manchen dürften an sich vorhandene Anlagen etwas verschüttet sein. Denn wir wurden in der Regel anders sozialisiert: Je nach gesellschaftlichem und familiärem Umfeld wurde musikalische Tätigkeit unterschiedlich stimuliert. Dennoch können auch Lehrpersonen, die sich als unmusikalisch einschätzen, z. B. Klang-Sensitivität fördern helfen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Kinder für interdisziplinäre Vernetzungen oft die Experten sind. Lässt man ihnen den Raum und geht man auf ihre Ideen ein, entwickeln sie erstaunliche Initiativen dazu, wie Klang und Bewegung einen Zugang zum Aufbau von Wissen bieten können. Und dies sowohl innerhalb wie ausserhalb des Musik-Unterrichts.

Zum Schluss die Frage an Sie: Was für eine Vision haben Sie bezüglich des Verknüpfens von musischen und weiteren Fächern?

Es gelingt allen Lehrpersonen, eine Haltung zu entwickeln, die Klang und Bewegung, ähnlich wie Zahlen, Bilder und Sprache, als relevante Werkzeuge des Lehrens und Lernens versteht. Dadurch werden Klang und Bewegung zu integrativen Elementen bei der Planung und Gestaltung von Lernumgebungen. Mit den Kindern als Experten entwickelt sich das Verständnis für diese Werkzeuge weiter, ein Repertoire mit nachhaltiger Wirkung wird aufgebaut und der Musikunterricht ist in unseren Schulen stark verankert und mit den Musikschulen vernetzt.